FOTO: © courtesy of the artist / Daniel Marzona Berlin

Axel Hütte TRACES London - Berlin

Ausstellung

Das sagt der/die Veranstalter:in:

In der dritten Einzelausstellung von Axel Hütte (geb. 1951) finden sich zwei formal klar voneinander geschiedene Werkgruppen gegenübergestellt. Im vorderen Raum der Galerie zeigen wir eine Reihe von mittelformatigen Architekturaufnahmen, die zwischen 1982 und 1984 in London entstanden sind und eine vermeintliche Nähe zu der Arbeit von Bernd und Hilla Becher offenbaren, bei denen Hütte an der Düsseldorfer Akademie studiert hatte.

Durchweg in schwarz- weiß gehalten und zumeist in strenger Frontalität nehmen die Aufnahmen ihre Motive ins Visier. Auf den zweiten Blick erweist sich der nüchtern-sachlich erscheinende Ansatz allerdings als doppelbödig. So lässt der Blick in die Straßenflucht der Peabody Estate sowohl die Fassaden rechts und links als auch die Situation in der Tiefe ein wenig im Unklaren. Ähnlich der Durchblick zwischen zwei Gebäuden auf ein drittes dahinter: Das Auge springt vom Vorder- zum Hintergrund und wieder seitwärts zu einer nur knapp angeschnittenen Hausecke.

Bei Great Suffolk Road ist vor lauter Straßen und Einfahrten, Unterführungen, Eisenbahnbrücken und Gebäudeteilen die räumliche Orientierung verunmöglicht und in ihrer Gesamtheit führen die Bildkonstruktionen der frühen Architekturaufnahmen den Blick des Betrachters immer wieder im Kreis herum, bieten keinen Halt und lassen die Wahrnehmung taumeln.

Auf andere Weise irritierend zeigen Hüttes neueste Bilder Blumen - verwelkte Schnittblumen, die von der unteren Bildkante eigenmächtig als Stilleben ins Bild zu wachsen scheinen. Alle Aufnahmen der Serie sind bei bestimmten Lichtverhältnissen in Hüttes Berliner Atelier entstanden, um dann mittels einer vergleichsweise einfachen Bildmanipulation, nämlich der Umkehrung aller Farbwerte, in ihre gültige Form gebracht zu werden. Vor mattschwarzem Hintergrund - entweder auf Metall oder auf großformatigen Papierbögen gedruckt - ragen die Pflanzen seltsam aus sich selbst leuchtend ins Blickfeld des Betrachters, während die ursprünglichen Schattenwürfe ihnen wie spurenhafte Lichtschleier zu folgen scheinen.

So surreal die Flowers erscheinen mögen und so sehr die Gewächse auf diesen Bildern als Geister ihrer selbst erscheinen, es ist zu einfach, diese Bilderserie allein in einer lockend dunklen bis metallisch sprühenden Gegenwelt zu verorten. Die Produktionsmethode der Farbumkehr ist zuerst eine rein technische Operation, ein kontrolliertes Experiment mit den Sehgewohnheiten. Die Technik zielt jedoch nicht auf die völlige Illusion, auf die Überwältigung des Auges durch das Faszinosum einer gänzlich anderen Welt, sondern erkennt die zeitlose, ursprüngliche Schönheit der Motive als eigenständige Qualität der Aufnahmen durchaus an.

Das Bewusstsein, das jede Fotografie nicht nur verändert, verbessert, manipuliert sein kann, ist zum Gemeingut geworden. Wo die entsprechende App auf dem Handy die eigenen Selfies optimiert oder verfremdet, ist Künstlichkeit keine Abweichung, sondern ein weiterer Normalfall. Vor diesem Hintergrund hat eine Fotografie, die sich als Kunst auf der Höhe der Zeit versteht, eine gesteigerte Veranlassung, das Künstliche am Bild zu reflektieren. Auf eine je eigentümliche Weise tragen alle Bilder Axel Hüttes diesem Umstand Rechnung. Aus der allgemeinen Bilderflut heraus hebt das Werk letztlich ein in der Realität gegründeter Surrealismus, der den gewöhnlichen Umgang mit dem Paradigma des Fotografischen erheblich verkompliziert und dem Betrachter gleichzeitig massive Freiheitsräume für die frei flottierende Kraft der Imagination überlässt.

 

The third solo exhibition of works by Axel Hütte (born in 1951) juxtaposes two initially clearly distinct groups of works. In the gallery’s front room, we are showing a series of middle-format architectural photos taken between 1982 and 1984 in London that seemingly reveal a proximity to the work of Bernd and Hilla Becher, with whom Hütte had studied at the Düsseldorf Academy. All of them held in black- and-white and usually in a strict frontal view, the pictures target their motifs. On second glance, however, the seemingly sober/objective approach turns out to be deceptive. Thus, the gaze into the corridor of the street of the Peabody Estate leaves the façades to the right and left and the situation in the distance a bit unclear. The same goes for the view between two buildings onto a third one behind them: the eye jumps from the foreground to the background and then sideways to the corner of a building that barely protrudes into the picture. In Great Suffolk Road, the multitude of streets and entryways, underpasses, railway bridges, and parts of buildings make spatial orientation impossible, and in their entirety, the pictorial constructions of the early architectural photos lead the viewer’s gaze repeatedly in circles, offering no anchor, and setting perception reeling.

Perplexing in another way, Hütte’s newest pictures show flowers: wilted cut flowers that seem to willfully grow from the lower edge into the picture as a still life. All the photos of this series were taken in specific lighting conditions in Hütte’s studio and then brought into their finished form by means of a relatively simple pictorial manipulation, namely by reversing all the colors. Against a matte black background – printed either on aluminum or on large-format sheets of paper – the plants tower strangely into the viewer’s field of vision, glowing from within, while the original shadows seem to follow them like ghostly veils of light.

As surreal as the Flowers may appear and as much as the plants in these pictures seem to be ghosts of themselves, it is too simple to locate these series of photos solely in an alluring, dark- to metallic- sparkling counter-world. The production method of the color reversal is, first, a purely technical operation, a controlled experiment with habits of seeing. The technique, however, does not aim at a total illusion or at overwhelming the eyes with the fascination of a completely other world, but clearly recognizes the timeless, primal beauty of the motifs as an autonomous quality of the photos.

The consciousness that each photograph can not only be changed, improved, or manipulated has become common knowledge. Where a suitable app on a mobile phone can optimize or distort one’s own selfies, artificiality is not a deviation, but another normal case. Against this background, a photo that understands itself as thoroughly contemporary art has increased occasion to reflect on artificiality in the picture. In their respective idiosyncratic ways, all of Axel Hütte’s pictures do justice to this circumstance. From out of the general flood of images, this oeuvre ultimately lifts a surrealism based in reality that substantially complicates our accustomed approach to the paradigm of photography and that at the same time leaves the viewer massive scope for the free-floating power of imagination.

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