Yves Scherer I Family Time

Ausstellung

Das sagt der/die Veranstalter:in:

Die Galerie Guido W. Baudach ist hocherfreut, ihre vierte Einzelausstellung mit Arbeiten des in New York lebenden Schweizer Künstlers Yves Scherer zu präsentieren. Unter dem Titel Family Time zeigt Scherer unter anderem neue Arbeiten aus den drei wichtigsten Werkgruppen der letzten Jahre: eine hyperrealistische Skulptur, Lenticularprints und Combine Paintings. In Weiterführung des werkübergreifenden Narrativs, das seine Praxis seit jeher ausmacht, findet hier eine gezielte Verlinkung von Celebrity Kultur, Fan-Fiction und eigenen, teils sehr persönlichen Lebenserfahrungen statt.



Wer Yves Scherer vor allem mit der künstlerischen Vereinnahmung von Schauspielstars wie Emma Watson, Lindsay Lohan und Vincent Cassel verbindet, dem erscheint die zentral in der Ausstellung platzierte Skulptur erst einmal unvertraut. Überlebensgroß modelliert, steht sie dort, die Figur eines kleinen Jungen, der, vorn über gebeugt, völlig ins Blumenpflücken vertieft ist. In einem Outfit, das altmodische Hosenträger mit modernen Jogginghosen vereint, trägt der Junge ein versonnenes Lächeln im Gesicht. Am Computer entworfen und in Aluminium gegossen könnte er einer Figur aus einem Hodler-Bild nachempfunden sein. Sowohl sein Körper als auch die Blumen, die er hält, und Kleidung, die er trägt, sind in ausgesprochen zarten Farbtönen bemalt bzw. lackiert. Darin, wie in der Wahl des Sujets überhaupt, ließe sich eine Referenz zu traditionellen Emaille- oder Porzellanfiguren vermuten. Doch im Gegensatz zu diesen meist rundlich geformten und mit stark glänzenden Oberflächen versehenen Objekten des dekorativen Kunsthandwerks, ist hier alles matt und scharfkantig - fast so, als wäre die Skulptur aus Metall geschnitzt.



Gegenüber an der Wand hängt eine Arbeit aus Scherers fortlaufender Serie von Lentikulardrucken. Sie vereint in direkter Gegenüberstellung ein privates Foto der jungen Kate Moss, aufgenommen von ihrem damaligen Freund Mario Sorrenti, mit dem Bild eines Koala-Bären, der allein auf einem Ast sitzt und schüchtern in die Kamera blickt. Man ist versucht, die Bären-Figur als eine Art Stellvertreter und Alter Ego des Künstlers zu interpretieren. Dies würde zumindest zum Konzept des einseitigen Dialoges passen, das Scherer über Werkgruppen und Jahre hinweg als künstlerische Strategie in seinen Arbeiten einsetzt. Dabei instrumentalisiert er die metaphysische Distanz, welche die Prominenten von ihrem Publikum trennt, als Kontrast zu der physischen Nähe der beiden Parteien im Werk selbst; im vorliegenden Fall von Kate Moss und dem Koala-Bären, die auf gerade einmal eineinhalb Quadratmeter zusammenkommen und sich unvermittelt ansehen. In diesem Sinne erscheint der Lentikulardruck als Reflexion auf den Einfluss der Medien auf unser persönliches Leben und Erleben. In der Mischung von privaten Erinnerungsfotos, darunter Selfies und Urlaubsbilder, mit Paparazzi- und Presseaufnahmen von Hollywoodstars, erzeugt Scherer einen Tagtraum, in dem aus einem einseitigen Following eine reziproke Beziehung wird. Gleichzeitig könnte man darin einen Verweis auf das heutzutage immer häufiger anzutreffende, kontinuierlich schwindende Interesse manch einen Individuums an seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld, der eigenen Community erkennen, das mehr und mehr von den virtuellen Welten der sozialen Medien und anderer Nachrichtenkanäle absorbiert wird.



Anders gelagert sind die Dinge bei den jüngsten Exemplaren von Scherers ebenfalls fortlaufender Tatami- Serie, die tief in ihrer eigenen materiellen Realität und ihrem Bezug zur privaten Autobiografie des Künstlers verwurzelt sind. Arbeiten aus dieser Serie bildeten bereits einen Schwerpunk in Scherers erster Ausstellung mit der Galerie im Jahr 2014. In Family Time tauchen nun erneut gleich mehrere solcher plastischen Materialbilder auf, denen insgesamt als Serie auch eine dieser Tage im Cura Verlag erscheinende Publikation gewidmet ist. Die Arbeiten, manipulierte Tatami-Matten, welche auf ein Holzverbundmaterial montiert und in Plexiglaskästen gezeigt werden, erscheinen als Materialcollagen, die konzeptuell gesehen auf den im Westen vornehmlichen Gebrauch der Matten als Matratzenunterlage basieren, insofern also die Schlaf- und Beischlafstätte, sprich: das Bett symbolisieren. Dabei weisen die Bilder zumeist konkrete Spuren oder auch komplette Gegenstände aus Scherers unmittelbarem Lebensumfeld auf und knüpfen damit an kunsthistorische Traditionen wie die italienische Arte Povera oder die französische Support/Surface- Bewegung an. Teils Ready-made, teils abstrakter Raum, verwickeln sie ihr Publikum in ein Nachdenken über die Formensprache von Malerei und Skulptur; ein Diskurs, der vor allem von Robert Rauschenberg und anderen US-amerikanischen Künstlern seiner Zeit angestoßen wurde. In Streifen gerissene und mit Ölstift bemalte Bettlaken, die neben Plastik-Kirschblüten um echte Baumzweige gewickelt sind, erzeugen im Verbund mit der Tatami-Matte hinter Plexiglas eine ästhetische Wirkung, die neben den oben genannten Bezügen durchaus auch an die von japanischer Seidenmalerei inspirierten Landschaften von Van Gogh erinnert, an die energetisch belebte Darstellung eines früchtebehangenen Pfirsichbaums im frühmorgendlichen Sonnenlicht.



Die dementsprechende Atmosphäre des Aufbruchs und der Erneuerung beherrscht die gesamte Ausstellung. Gleichzeitig funktioniert Family Time als eine Art Bestandsaufnahme, eine Konsolidierung, die der Zusammenführung der unterschiedlichen Werkserien entspringt, welche die Praxis des Künstlers seit Jahren prägen. Scherer selbst beschreibt die Ausstellung als glücklichen Ort, als einen Sonntagmorgen in seiner New Yorker Wohnung, in der er alte und neue Freunde sowie die Mitglieder seiner Familie versammelt hat, um gemeinsam das junge Leben seiner kleinen Tochter Lucy zu feiern.

Yves Scherer, geboren 1987 in Solothurn (CH), lebt und arbeitet in New York. Er hat in Luzern, Berlin und London studiert. Seine Arbeiten wurden bereits in zahlreichen Ausstellungsorten in aller Welt gezeigt, u.a. in der Kunsthalle Basel (2018) und dem Swiss Institute New York (2015).

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