Klanginstallationen

Theater Anderes

Das sagt der/die Veranstalter:in:

Sounding Reflections

Sam Auinger & katrinem

Wiese am Carillon

Spätestens die Maßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie machten deutlich, wie gemeinschaftliche Aktivitäten oder einsame Spaziergänge im öffentlichen Raum einerseits dessen akustische Ökologie verändern und andererseits auch das kollektive Bewusstsein für sie schärfen. Sam Auinger und katrinem laden mit der vor dem HKW-Gebäude aufgebauten Installation Sounding Reflections das Publikum dazu ein, an klangreflektierenden Verschalungsplatten die Ausbreitung von Schall mit all ihren klanglich-musikalischen Potenzialen experimentell selbst zu erfahren. Während die Umgebungsgeräusche als sachtes Rauschen in den Hintergrund treten, kann beispielsweise ein einfaches Händeklatschen ein sogenanntes Flatterecho zwischen den einzelnen Flächen nach sich ziehen, das je nach Position der Besucher*innen und ihrer Distanz zu den einzelnen reflektierenden Platten verschiedene Modulationseffekte bewirkt.

Begleitet wird die skulpturale Arbeit von einer Hör-Orte-Karte Auingers und katrinems, in welcher die Klangkünstler*innen die verschiedenen akustischen Phänomene diverser Raumpunkte rund um das HKW verzeichnen und erklären. Des Weiteren leitet katrinem einmal täglich bei einem Soundwalk durch das sonische Spiegelkabinett, um mit den Besucher*innen gemeinsam die spezifische architektonische Klanglichkeit des Gebäudes zum Widerhallen zu bringen.

Phantom Words – Spatial Edition

Diana Deutsch

Garderobenfoyer

Diana Deutsch ist von Haus aus Psychologin und widmet sich in ihrem künstlerischen Schaffen klanglichen Wahrnehmungsphänomenen, darunter auch den sogenannten „Phantomwörtern“. Im Garderobenfoyer des HKW lädt sie dazu ein, akustischen Illusionen auf den Leim zu gehen. Ihre Phantom Words bestehen entweder aus zwei einzelnen Worten oder einem zweisilbigen Wort, die zeitversetzt über zwei Lautsprecher in Stereo abgespielt werden. Bevor diese die Ohren des Publikums erreichen, finden Überlagerungen der Klänge im Raum statt, und je mehr Zeit verstreicht, desto mehr neue Wörter oder sogar ganze Phrasen scheinen aus den alternierenden Silben aufzutauchen. Was genau gehört wird, ist individuell verschieden und kann bisweilen Rückschlüsse auf das eigene Selbst zulassen: Hier mischen sich bei Nicht-Erstsprachler*innen Fetzen aus anderen Sprachen dazu, dort scheinen Begriffe und ganze Phrasen zu entstehen, die mit dem aktuellen Gemütszustand der jeweiligen Person korrelieren.

Nachdem Deutsch im Jahr 2003 mit dem Album Phantom Words and Other Curiosities ihre Experimente für den Hausgebrauch zugänglich gemacht hat, präsentiert sie bei The Sound of Distance acht brandneue Phantomwörter, die zwischen den beiden Lautsprechern ihrem Publikum neue (Innen-)Welten offenbaren.

Forbidden Echoes

Andi Toma & Hani Mojtahedy

Dachterrasse

Gesang von der Spitze des Jabal Shirin: Lokalen Legenden zufolge floh die schöne Shirin – vor langer Zeit – auf einen Berg, um ihre verlorene Liebe zu betrauern. Später wurde das Gebirge in der kurdischen Grenzregion von Nordirak und Iran nach ihr benannt. Shirins auf Kurdisch überlieferte Klagelieder hat Hani Mojtahedy vor Ort neu interpretiert: Ungeachtet menschlicher Grenzziehungen hat sie ihren Gesang durch das Tal schallen lassen, in dem zahlreiche Opfer unmenschlicher Politik begraben liegen. So erreichte ihre Stimme auch die iranische Seite des Gebirges, und das Echo hallte von dort zurück, wo das Singen für Frauen nur in Chören erlaubt ist, für einzelne Sängerinnen jedoch verboten. Gemeinsam mit Mouse-on-Mars-Mitglied Andi Toma bringt Mojtahedy ihren Gesang und seinen Nachhall nach Berlin: Aufgenommen mit verschiedenen Mikrofonen schafft Toma eine Echokammer um ihre Stimme. Wie Shirins Lieder einst durch die kurdischen Berge schallten, so tut es Jahrhunderte später Mojtahedys Gesang unter dem Dachbogen des HKW – nicht nur als Installation, sondern zu drei Terminen auch live. Klang und Worte können geografische Grenzen so leicht überwinden. Kann es ein Verbrechen sein, ihnen zuzuhören?

keeping the ball rolling HKW, Berlin 2021 | filling a space with salt (for one listener) 2021

crys cole

Vortragssaal-Gang | Unteres Foyer, Telefonzelle

Die Klangkünstlerin crys cole schafft in ihren Arbeiten Intimität durch Intensität. Viele davon sind auf Tonträgern dokumentiert und werden regelmäßig im Kontext von Ausstellungen in aller Welt präsentiert. Zu ihrer Reihe von ortsspezifischen Sound-Installationen gehört keeping the ball rolling. Dabei schickt cole ihr Publikum durch ein Stereofeld, an dessen beiden Polen Lautsprecher die Aufnahmen von Mikrofonen wiedergeben, die wiederum die Künstlerin dabei aufgezeichnet haben, wie sie einen Ball auf dem Boden herumrollt. So wird im HKW ihr Aktionsradius zum Hörraum der Besucher*innen, die ihren Bewegungen durch Zeit und Raum folgen oder sie direkt durchqueren können.

Während der Titel von keeping the ball rolling auch auf ein englisches Sprichwort verweist, das die kontinuierliche Ausführung eines Projekts beschreibt, so ist der Titel von filling a space with salt noch etwas wörtlicher zu verstehen. Dabei werden die einzeln in einer der HKW-Telefonzellen stehenden Besucher*innen allerdings keineswegs physisch, sondern lediglich akustisch mit Salz überschüttet– und bekommen so vorgeführt, wie die Wahrnehmung bestimmter Klänge diejenige des Raums um sie herum beeinflussen kann. Intime, intensive Erfahrungen sind so garantiert.

Auditory Scene Re-Synthesis as Cochlear Wavepackets

Marcin Pietruszewski & Jan St. Werner

Vortragssaal

Menschliche Ohren nehmen nicht nur Geräusche auf, sie machen auch selbst welche. Während des Hörvorgangs entstehen im Innenohr sogenannte otoakustische Emissionen in Reaktion auf den eintretenden Schall. Dieses Phänomen macht also aus vermeintlich passiv Lauschenden aktiv (wenn auch nicht bewusst) handelnde Klangproduzent*innen. Marcin Pietruszewski und Jan St. Werner untersuchen die otoakustischen Emissionen und deren diverse Implikationen mit ihrer Klanginstallation Auditory Scene Re-Synthesis as Cochlear Wavepackets.

Feldaufnahmen und mit spezieller Software hergestellte Sounds werden zu einer Klangcollage montiert, die im Vortragssaal des HKW über zahlreiche Lautsprecher abgespielt wird. Es ist der richtige Ort für eine Installation, welche den Besucher*innenohren nicht nur Output entlockt, sondern auch das Dazwischen mit Input versorgt. Denn eingewoben in die Arbeit werden Texte über die historischen, technologischen und physiologischen Kontexte der Phänomene im Zentrum des Werks, die von einer computergenerierten Stimme verlesen werden und ihre physischen und psychischen Dimensionen beleuchten. Das kann im Gehen, Sitzen, Stehen oder Liegen erlebt werden. Alles, was es braucht, sind lediglich die eigenen offenen Ohren und der Wille, der Unzahl an akustischen Mikroempfindungen freien Lauf zu gewähren.

Thresholds

Louis Chude-Sokei

Vor dem Haupteingang

Schwellen sind gleichermaßen inklusiv wie exklusiv. Einerseits existieren sie immer als Öffnung zwischen dem einen und dem anderen Raum, andererseits entscheidet sich an ihnen, wer überhaupt zu welchen Orten unter welchen Bedingungen Zugang hat. Nirgendwo anders also werden die Gesetze von Raum, Mensch und Kontrolle dermaßen transparent wie an der Schwelle. Louis Chude-Sokei befasst sich in seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit mit Konzeptionen von Technologie und Race sowie der Konstruktion eines universellen, aber primär als weiß verstandenen Subjekts. Die Forschung wie auch kuratorische Praxis des Echolocution-Gründers stellt dementsprechend immer wieder bestimmte konzeptionelle Schwellen infrage, die tief in kulturellen, sozialen und politischen Kontexten verwurzelt sind, und stellt ihnen alternative Deutungs- und Denkweisen gegenüber.

Seine Klangkunstarbeit Thresholds für The Sound of Distance kann nur zur Gänze gehört werden, indem die Schwelle zwischen HKW und Außenwelt übertreten wird: Im Eingangsbereich des Gebäudes läuft ein vom Autor vorgelesener Text im Loop, der jenseits der Pforte über weitere dort angebrachte Lautsprecher von Sound ergänzt wird. Die Schwelle wird somit gleichermaßen ästhetisch und räumlich in Szene gesetzt. Zugleich wird bewusst erlebbar, wie Chude-Sokei sie mit seinem Text kritisch auf den Prüfstand stellt.

Drink the Distance

Michael Akstaller & Nele Jäger

Dachterrasse

In ihrer Werkreihe Hearing the Architecture beschäftigen sich Michael Akstaller und Nele Jäger mit menschlichen Wahrnehmungsmustern in Bezug auf Raum und Klang. Die in Zusammenarbeit mit Jan St. Werner und Milan Ther entwickelte Serie von Performances und Installationen untersucht seit 2019 Architektur durch das Zusammenwirken von visuellen und akustischen Parametern. In den Fokus rücken Akstaller und Jäger dabei immer wieder den sogenannten „Negativraum“, durch den Architektur auch außerhalb der baulichen Struktur auf ihr jeweiliges Umfeld wirkt. Neben optischen Eindrücken wird dabei Klang als zentrales Gestaltungsmittel verstanden, das die Konzeption, das Verständnis und das Erleben von Gebäuden und von Raum an sich maßgeblich beeinflusst.

Mit ihrer ortsspezifischen Arbeit Drink the Distance wenden Akstaller und Jäger ihre gemeinsam entwickelte Methodik auf die drei Fahnenmasten auf der Dachterrasse des HKW an. Die räumliche Entfernung von der Basis der Masten bis zu ihren Spitzen in luftiger Höhe wird bei entsprechender Annäherung durch das Publikum über Klangimpulse erfahrbar. Durch Wind und Berührungen in Schwingung versetzt, offenbaren die Träger markanter visueller Signale so also auch, was sie bei geschlossenen Augen zu erzählen haben.

Hol dir jetzt die ASKHELMUT App!

Sei immer up-to-date mit den neuesten Veranstaltungen in Berlin!

Weitere Tipps