FOTO: © Marlene Knobloch

Hellfeld - Lenore Blievernicht liest aus "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde, und der Selbstmord des Astronauten" von Muammar al-Gaddafi

Theater

Das sagt der/die Veranstalter:in:

„Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde, und der Selbstmord des Astronauten“ sind Erzählungen von Muammar al-Gaddafi, des libyschen Staatschefs. Der Herausgeber und Übersetzer Gernot Rotter (1941-2010) war einer der besten deutschen Kenner der arabischen Gegenwart. Die Texte stammen aus einer Sammlung, die schon 1993 in Libyen erschien, entstanden also lange vor der realpolitischen Wende Muammar al-Gaddafis .Es sind zwölf Texte, und fast jeder davon ist eine Offenbarung.Es sind Erzählungen auch in dem Sinne, dass Gaddafi seine Geschichten, seine Überlegungen nicht aufgeschrieben, sondern gesprochen hat. Wer die Geschichten liest, sieht dem Erzähler zu, wie er unter seinen Hörern sitzt und ihnen erzählt, was er so denkt und wie er sich hineinsteigert in das, was ihm gerade eingefallen ist und wie es ihm Spaß macht, noch eins drauf zu setzen. Das sind nicht die Heiligen Texte eines Diktators, das sind die ironischen, Volten schlagenden, extemporierten Vergnügungen eines Spaßmachers.  Es gibt bei uns nicht ein einziges solches Buch.

„Der Selbstmord des Astronauten“ zum Beispiel ist eine Geschichte mit einer einfachen Moral: der Astronaut wird verhungern, weil er nicht weiß, wie der Boden zu bearbeiten ist. Die Gesellschaft braucht also mehr Bauern als Astronauten. So liest sich die Geschichte, wenn man sie auf ihre Moral reduziert. Eine Fabel wie aus der chinesischen Kulturrevolution. Liest man dagegen auch die Geschichte selbst, dann bemerkt man die Ober- und die Untertöne. Man spürt den Spott für die großartigen astronomischen Kenntnisse des Astronauten, aber man bemerkt auch, mit welcher Verve der Erzähler diese Kenntnisse ausbreitet. Wenn Ironie heißt, aus Liebe verspotten, dann liebt Gaddafi den Astronauten.

Die letzten Erzählungen richten sich alle gegen islamischen Fundamentalismus. Es sind keine Traktate, sondern  scheinbar beiläufige Überlegungen. Der Autor fährt keine großen Geschütze auf. Seine zentrale Waffe ist Spott.

Man muss das Buch lesen, wenn man eine Ahnung bekommen möchte, wie Gaddafi denkt. Man liest es gerne, weil es Spaß macht zu sehen, wie er denkt, und weil ihm diese Art zu denken sichtlich Vergnügen bereitet. Man muss das Buch auch lesen, um ein altes Vorurteil zu revidieren: Ironie ist nicht die Waffe der Unterlegenen. Ironie ist eine Haltung, die wenig damit zu tun hat, welche Rolle man im Leben spielt. Gaddafi ist das überzeugende Beispiel eines ironischen Diktators, eines Mannes also, der fähig ist, sich und sein Leben zu durchschauen und doch daran festhält, weil er weiß, dass er kein anderes hat.

Arno Widmann

Muammar al-Gaddafi: „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten“ [https://www.perlentaucher.de/buch/muammar-al-gaddafi/das-dorf-das-dorf-die-erde-die-erde-und-der-selbstmord-des-astronauten.html]. Herausgegeben, kommentiert und übersetzt von Gernot Rotter. Belleville, München 2004

Muammar al-Gaddafi, 1942 in Sirte (Tripolitanien) geboren, erhielt eine Offiziersausbildung in Großbritannien. 1969 putschte er gegen König Idris und übernahm als Führer einer Militärjunta die Macht.  Gaddafi propagierte innenpolitisch das System der Volkskongresse als direkte Demokratie ohne Parlamentarismus. 1979 trat er offiziell von der Staatsführung zurück, ohne jedoch seinen beherrschenden Einfluss auf die Regierung zu verlieren.Gaddafi führte Libyen in weitgehende Isolation gegenüber dem Westen, besonders den USA, die 1986 Tripolis und Banghazi bombardierten, da Libyen Terroranschläge gegen US-Bürger unterstützte. 2011 kam es in Libyen zu landesweiten Aufständen, die von Luftangriffen der Vereinigten Staaten, Kanada und mehrere westeuropäische Staaten unterstützt wurden, die eine Flugverbotszone durchsetzen wollten. Ab dem 27. Juni 2011 wurde Gaddafi als mutmaßlicher Kriegsverbrecher und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit per Haftbefehl weltweit gesucht. Am 20. Oktober 2011 wurde er von libyschen Rebellen getötet.

Location

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Rosa-Luxemburg-Platz,n
10178 Berlin

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