AGNES BERNAUER

TAGESTIPP 2G+ Theater

Das sagt der/die Veranstalter:in:

«Die Gutheit lohnt sich nicht, das hätt ich Ihnen gleich sagen können.»

«Agnes Bernauer», uraufgeführt 1977 in der DDR, beginnt als Märchen im Zeitraffer: Agnes wird nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem bankrotten Vater zur Arbeit angehalten. Aber sie will nicht daran glauben, einen Beruf zu finden, der ihr «eine Freud macht», und beschließt, reich zu heiraten. Der soziale Aufstieg gelingt prompt: Agnes wird schwanger und nimmt Albrecht zum Mann, der im goldenen Käfig des Werdenfels'schen Familienunternehmens als zartbesaitetes und einziges Muttersöhnchen gehegt und gepflegt wird. Wie im Märchen spricht sie von ihm als Prinz und befragt den Spiegel, was zu tun sei, um glücklich zu bleiben, «denn leicht ist es nicht, wenn der Unterschied so groß ist». Die Folie des Märchens dient Franz Xaver Kroetz als Mittel, gesellschaftliche Verhältnisse unter die Lupe zu nehmen – und so schickt der Autor seine Protagonistin auf eine Reise. Nach zahlreichen Begegnungen im Milieu der Arbeiter*innen, die in prekärer Heimarbeit den Reichtum der Werdenfels produzieren, bittet sie ihren Schwiegervater, gerechte Löhne zu zahlen. Doch dieser, selbst aus nicht privilegierten Verhältnissen stammend, begreift seine Herkunft nicht als soziale Verantwortung. Und so muss Agnes ihr Gewissen befragen, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann: Entweder entwickelt sie als Nutznießerin eine gewisse Sehunschärfe bezüglich der sozialen Ungerechtigkeiten oder aber sie bricht in eine ungewisse Zukunft auf.

Die Geschichte der historischen Agnes Bernauer, der Geliebten des bayerischen Herzogs Albrecht III., war Topos mehrerer Dramatisierungen, etwa von Friedrich Hebbel und Carl Orff. Kroetz löst die Erzählung aus ihrem historischen Zusammenhang und lässt Agnes nicht unter die Räder der Verhältnisse kommen. Beeinflusst vom Volksstück Marieluise Fleißers und dem epischen Theater Bertolt Brechts erzählt Franz Xaver Kroetz die Geschichte einer Emanzipation nicht durch Erkenntnis, sondern Empathie.

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