FOTO: © Stephan Bögel

Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr

Das sagt der/die Veranstalter:in:

Für die bereits vierte Koproduktion der Deutschen Oper Berlin mit der Münchener Biennale vertont der österreichische Komponist Bernhard Gander ein Libretto des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan und entwickelt in gemeinsamer Arbeit mit der Regisseurin Alize Zandwijk sowie Solist*innen des Ensemble Modern und der Deutschen Oper Berlin eine neue Oper. Als Auftragswerk der Münchner Biennale orientiert sich Ganders und Zhadans Musiktheater inhaltlich an der Thematik der kommenden Festivalausgabe: dem Freundschaftsbegriff. In der Freundschaft begegnen sich „Gleichgesinnte freiwillig auf Augenhöhe“. Die Erwartungen, die sich mit Freundschaft verbinden, machen sie aber auch anfällig für große Enttäuschungen und Verletzung. Besonders kritisch wird es, wenn man von „Freundschaften“ unter so abstrakten Gebilden wie Staaten, Nationen oder Völkern spricht. Waren es in den letzten zweihundert Jahren das Alte Europa, die USA und die Sowjetunion, die auf „Freundschaft“ mit ihren Nachbarn bestanden, so verpflichtet sich neuerdings China mit vielfältigen Aktivitäten diverser Staaten in Afrika – und entlang der Grenzen Russlands gibt es eine ganze Reihe neuer alter Konflikte mit und um benachbarte „Freunde und Verwandte“. In ihrer Uraufführung beschäftigen sich Gander und Zhadan mit den äußerst komplizierten Grenz- und Freundschaftslinien, die zwischen ehemals fest verbundenen Staaten verlaufen. Zhadan nimmt dazu die existenziellen Herausforderungen des russisch-ukrainischen Verhältnisses als Ausgangspunkt seines Librettos und entwirft darin eine geradezu exemplarische Grenzpostensituation inmitten eines kriegerischen Konflikts. Die dort auftretenden Figuren sehen sich mit der Frage konfrontiert, wie man sich für eine Sache entscheiden soll, wenn die kulturellen, historischen, politischen und individuell-biographischen Verhältnisse zu komplex und in sich widersprüchlich sind, als das eine „richtige“ Entscheidung überhaupt noch gelingen kann. Bernhard Gander ist ein etablierter Komponist der Neuen Musik und entzieht sich zugleich klaren Genrezuschreibungen. Er sprengt Gattungsgrenzen und erschafft durch die Verbindung von Neuer Musik und Heavy Metal auf formaler, klanglicher, gestischer und energetischer Ebene Werke von größter Plastizität und Ausdruckskraft. Ganders Werke wurden unter anderen im Wiener Konzerthaus, bei den Wiener Festwochen, beim steirischen herbst, den Klangspuren, Transart Bozen, bei den Donaueschinger Musiktagen, Wien modern, Musica Strasbourg, den Wittener Tagen für neue Kammermusik oder der Biennale München aufgeführt. Er ist Träger des Musikförderungspreises der Stadt Wien für Komposition 2004, des Erste-Bank-Kompositionspreises 2005, des SKE Publicity Preis 2009 und erhielt das Staatsstipendium für Komposition. Für melting pot, uraufgeführt bei den Wiener Festwochen 2012, erhielt Bernhard Gander den Ernst-Křenek-Preis. Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. Zhadan lebt in Charkiw. Seine Werke werden bei SUHRKAMP verlegt. Die Schauspielregisseurin Alize Zandwijk bildete ab 1998 mit Guy Cassiers die künstlerische Leitung des Rotterdamer Ro Theater. Seit 2003 inszeniert sie regelmäßig in Deutschland, u. a. am Thalia Theater und am Deutschen Theater Berlin. Am Theater Bremen gab sie in der Spielzeit 2012/13 ihr Debüt mit Dea Lohers „Das Leben auf der Praça Roosevelt“, es folgten u. a. Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ und Arne Sierens „Mädchen und Jungen“. Seit der Spielzeit 2016/17 ist sie leitende Regisseurin im Schauspiel am Theater Bremen und inszenierte u. a. Hauptmanns „Die Ratten“, Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, den spartenübergreifenden Tanzabend „Golden Heart“ und „Amour“, Tom Lanoyes „Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter“, Tolstojs „Auferstehung“ oder „Mütter - Geschichten von Bremer Frauen aus aller Welt“.

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