Dino Brandão


15.02.2022 22:00 Uhr
Nachtasyl, Hamburg
18,60-18,60€

Identität heisst nicht Gleichsein, sondern gleichzeitig. Gleichzeitig Luanda und Brugg. Gleichzeitig Fliegen und Stürzen, das gute und das kaputte Knie, die alte Medizin. Eine Tanzmusik als Hommage an die Anomalien im Kopf und die biografischen Unregelmässigkeiten. Gerne mit Refrain, denn Dino Brandão ist immer noch ein Cancioneiro, ans Lied verschenkt und an die bittersüsse Symphonie, ein Freund der großen Geste. Er faltet diese kleine Popmusik-Weltkarte in schiefen Proportionen auf. Er streicht über die Trommeln von damals, spielt die vernebelten Synthesizer, kickt den Drumcomputer an – genüsslich verstrickt nach allen Himmelsrichtungen. Dino Brandão kann das alles sein und tanzt auf den Scherben seines Spiegelbilds. Zwischen Paris, Zürich und Luanda liegt Brugg im Aargau. Das Zentrum jeder Weltkarte ist verhandelbar und vielleicht kann man sich die Frage nach der Identität wie einen zersprungenen Spiegel vorstellen, mannigfach in Bruch gegangen, Scherben auf Samt, die das Licht in alle Himmelsrichtungen zurückwerfen – Dino Brandão ist einmal mehr und wie immer, wenn die Angelegenheiten kompliziert zu werden drohen, in seinen Luftschutzbunker abgestiegen. Die Frage, wie das alles zusammenpasst, ob er die Einzelteile des Spiegels verleimen oder sich am anarchischen Mosaik erfreuen soll, das da unsortierbar vor ihm liegt. Und was das mit den tausend Trommeln zu tun hat, gestapelt bis zum Eierkarton an der Betondecke, mit all den Musikschnipseln in seinem Rechner, mit den ungesungenen Melodien in seinem Kopf und den unsingbaren? Woher kommst du? Im Anfang war das Djembe, denn der Vater kennt die Rhythmen. Und das Skateboard, es lernt dich fliegen und stürzen. «Herr Brandão, ja, ihr Kreuzband, es ist wie – nicht mehr da», aufgebraucht und die Gitarre, sie lässt dich fast vergessen. Mit der Stimme kannst du auch fliegen. Mit der Stimme kannst du Frank Powers sein unter Freunden (Sophie Hunger, Faber) und Fremden, all die Leute lächeln machen, auf der großen Festivalbühne, am Transitort einer Bahnhofsunterführung. Und du huschst durch die Katakomben der Métro, schließt dich im Zimmer ein, Paris. Du beginnst mit Sortieren, fängst mit Arbeit an, fährst den Computer hoch und fütterst ihn mit Spuren, hinter den Schichten verschwindet dein Spiegelbild. Alleine im Keller wirst du verrückt, «ein bisschen weird». Das ist gut für die Musik.


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Nachtasyl

Programm

Alstertor 1, 20095 Hamburg

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