FOTO: © Jonas Holthaus

Caretaker’s Lounge – Ausstellung von Ina Weber

Das sagt der/die Veranstalter:in:

Hommage an die KümmererDie Bildhauerin Ina Weber feiert die Menschen, die jedes Gebäude zum Leben benötigt. Eine Liebeserklärung an Hausmeister: die unsichtbaren Pfleger, Beschützer und Bewahrer Für mich ist ein Hausmeister ein Denkmalschützer. Denn historisch bedeutende Architektur zu bewahren, heißt zuallererst, sich um sie zu kümmern. Ganz so wie bei den Viktorianischen Reihenhäusern an der Küste Englands. Ich habe ein paar Jahre lang dort gelebt und war fasziniert vom Zustand dieser Häuser. Trotz des Seeklimas, das die Substanz der Gebäude stärker angreift als bei uns, waren die Türen und Fenster stets perfekt lackiert und die Messingknäufe poliert. Das ist eine Form des Denkmalschutzes, der zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Bei Denkmalschutz denken wir oft an etwas Behördliches, an Verordnungen, an Bürokratie. Dabei findet das Bewahren eines Hauses vor allem im Kleinen, im Alltäglichen statt: Es muss jemanden geben, der putzt, repariert, streicht, lackiert, ausbessert – jemanden, der sich um das Haus kümmert. So banal dieses In- Schuss-Halten vielleicht auf den ersten Blick anmutet, so immens wichtig ist es für ein Gebäude. Und nebenbei: Diese Art der Instandhaltung richtet oft weit weniger Schaden an als die institutionalisierte Form. Im Englischen wird der Hausmeister »caretaker« genannt, wörtlich übersetzt »der Hüter«. Eine schöne und treffende Bezeichnung, die die Wertschätzung seiner Tätigkeit für das Gebäude betont. Diese Überlegungen bildeten die Grundlage für meine Installation „Caretaker’s Lounge“ im Foyer der Deutschen Oper Berlin. Der Bau von Fritz Bornemann steht für eines der großen Konzepte der Moderne in der Architektur: Für die Demokratisierung der Kunstrezeption und das Überwinden der gesellschaftlichen Klassen, für die Öffnung zum Publikum, für das Verbinden von Innen und Außen. In meinen Arbeiten stelle ich diese großen Konzepte der tatsächlichen Nutzung gegenüber. Es kommt nicht selten vor, dass sich die Bedürfnisse derjenigen, die ein Gebäude planen, nicht wirklich mit denen decken, die es nutzen. Bei der Deutschen Oper wurde die architektonische Ästhetik in den verschiedenen Perioden ihres Bestehens unterschiedlich in Frage gestellt, das Nutzungskonzept hingegen ist immer aufgegangen. Die Caretaker’s Lounge im Foyer macht diejenigen sichtbar, die durch ihre tägliche Arbeit dazu beigetragen haben. Ich interessiere mich für vermeintlich banale Orte, die von den Nutzern und Betreibern eines Gebäudes gestaltet wurden. In der Hausmeisterloge finden sich alltägliche Dinge, die keiner ästhetischen Konzeption folgen, aber für das In-Schuss-Halten notwendig sind: Wischmops, Glühbirnen, Kaffeetassen. Doch auch wenn diese Dinge dem Alltag entnommen wurden, bleibt die Caretaker’s Lounge ein fiktiver Ort. Es geht mir bei meinen Arbeiten nicht darum, eine Wirklichkeit nachzubilden. Wenn ich auf Reisen bin oder spazieren gehe, sammele ich Ideen. Manche Motive halte ich mit der Kamera fest und fasse sie in einem fotografischen Skizzenbuch zusammen. Von anderen fertige ich zeichnerische Skizzen an, teilweise auch detailliertere Aquarelle. Einige von ihnen werden in der Ausstellung zu sehen sein. Wieder andere bringe ich gar nicht zu Papier, sie verbleiben als Erinnerungen in meinem Kopf. Aus diesem merkwürdigen Bilderschatz kristallisieren sich dann die Ideen für meine Skulpturen heraus. Es sind Skulpturen, die ihre eigene Sprache sprechen, keine Modelle von oder für etwas. Meine Objekte bilden keine realen Vorbilder nach, sie entstehen aus diesem assoziativen Bildvokabular, das ich mir über die Jahre angeeignet habe. Ich versuche erst gar nicht, maßstabsgetreu zu arbeiten. Es ist mir vollkommen egal, ob am Ende eine Tür einen anderen Maßstab hat als ein Schornstein. Die Größe meiner Skulpturen lehnt sich oft an meine eigene Körpergröße an. Das hat zum einen den Grund, dass ich sie selbst erfahren möchte; manche meiner Gebäude sind begehbar, sie sollen körperumschließend sein, ein Gefühl zwischen Körper und Architektur erzeugen. Zum anderen muss ich bei der Planung der Dimensionen aufpassen, dass das ganze Projekt für mich handhabbar bleibt. Ich arbeite hier in meinem Atelier weitestgehend alleine und produziere nach Möglichkeit alles selbst. In größeren Maßstäben zu konstruieren, würde bedeuten, dass ich diese Autarkie ein Stück weit aufgeben müsste. Schon jetzt ist alleine das Gewicht mancher Skulpturen ein Problem. Weil Beton sehr schwer wird, entstehen die großen Arbeiten mit einem Grundgerüst aus Holz. Auf diesen Kern trage ich die verschiedenen Materialien auf. Die Gebäude, die mich interessieren, entstammen der klassischen Moderne oder stehen in ihrer Tradition. Die Moderne ist mit ihren großen Konzepten und Ideen für mich so etwas wie unsere Klassik. In ihren Gebäuden drückt sich ein Idealismus aus, eine Utopie. Man wollte mit den Mitteln der Architektur ein besseres Leben für alle ermöglichen. Einer meiner Lieblingsorte, an dem man dieser Utopie nachspüren kann, ist die kleine Küstenstadt Royan im Südwesten Frankreichs. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war Royan ein mondäner Badeort, bis er bei einem britischen Luftangriff fast vollständig zerstört wurde. In den 1950er und 1960er Jahren hat sich dann eine Gruppe von Architekten zusammengefunden, die diese Stadt in der Tradition großer moderner Architektur wiederaufbaute. Es gibt viele Anklänge an die Bauten von Oscar Niemeyer, jedoch in den Dimensionen verkleinert und damit zugänglich. Royan wirkt dabei nicht einschüchternd oder seelenlos wie manch andere Planstädte, sondern farbenfroh und heiter. Dadurch dass Niemeyers Ideen herunterskaliert wurden, entstand ein Ort, an dem sich die Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte der Planer und der Nutzer treffen – genau wie in der Deutschen Oper Berlin. — Text: Tilman Mühlenberg

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