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Sylvia

Ballett

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Foto: Holger Badekow

Wed 09.09.2020 19:30 + 4 dates
Hamburgische Staatsoper, Hamburg

Eigentlich kommt dem Ballett "Sylvia", das im französischen Original den Zusatz "ou La Nymphe de Diane" trägt, eine wichtige Rolle in der Ballettgeschichte zu, auch wenn es heute weit seltener gespielt oder neu inszeniert wird als etwa "Coppelia", Léo Delibes' andere große Ballettmusik. Die Uraufführung von "Sylvia" in der Choreografie von Louis Merante 1876 an der Pariser Oper war die erste Kreation im neu gebauten Haus, dem Palais Garnier. Sie markierte gleichzeitig die Abkehr vom romantischen Ballett und dem von ihm geprägten ätherischen Frauenbild: aus der Fee und Sylphide wurde die Kämpferin, eine ferne Schwester Penthesileas.

Den entscheidendsten Schnitt und Bruch mit der Vergangenheit aber löste eine "Sylvia" Produktion in St. Petersburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus. Diaghilew wurde 1900/01 mit der Oberaufsicht über eine Neuinszenierung am Marien-Theater betraut. Er wählte "Sylvia". Da ihm die Direktion jedoch nicht völlige Freiheit bei der künstlerischen Realisation ließ – zu seinem "Dreamteam" gehörten da schon die Maler Bakst und Benois –, kam es zu Spannungen, er wurde entlassen und suchte von da an nach anderen Möglichkeiten und Orten, um seinen Traum von Theater zu verwirklichen. Wäre er ohne diesen Bruch ins Ausland gegangen? Hätte er ohne diese Enttäuschung 1909 in Paris die Ballets Russes gegründet? Im Grunde ist "Sylvia" indirekt zum Schlüsselwerk für unsere heutige Moderne geworden.

Trotzdem interessiert uns an "Sylvia" weniger seine Geschichte, seine kulturhistorische Handlung oder seine ursprüngliche Choreografie, es ist die Musik, die anspricht. Sie ist unüberhörbar von Richard Wagner beeinflusst, scheut manchmal nicht die schlimmsten Ballettklischees des 19. Jahrhunderts und hat doch Poesie und vor allem Sinnlichkeit.

Muss man eine Geschichte dazu erzählen? Und welche? Die von Torquato Tasso, auf dessen Schäferdrama "Aminta" das Ballett basiert? Eins ist klar, das "kitschige" Libretto von Jules Barbier und Baron de Reinach ist heute ganz unsinnig. Kann es denn nicht etwas ganz Einfaches sein? Tanzbilder von einer starken, sportlich-kämpferischen Frau, die, hin- und hergerissen zwischen Kraft und Verletzlichkeit, nur schwer eine Balance findet zwischen Angriff und Zartheit, Panzerung und Hingabe, die erst Sinnlichkeit erfahren und Leidenschaft durchleben muss, um die einfache, schlichte Liebe zu entdecken.

Als ich bei Tasso nachlas, empfand ich das mythische Moment spannender als das erzählerische Element, den Mythos gültiger als die späteren Metamorphosen. Und es erschien mir nur natürlich, auch zur Musik in eine gewisse Distanz zu gehen und dem Werk jenen Touch von Operette zu nehmen, der so viele Choreografen verleitet hat... Stattdessen die Suche nach Tanzbildern, Bewegungen und emotionalen Situationen, die einen fast schockierenden Dialog mit der Musik wagen.

Auch wenn ich nicht die antike Welt heraufbeschwören wollte, nicht Hellas, nicht Rom, so war ich doch glücklich, einen großen griechischen Bühnenbildner zur Seite zu haben, Yannis Kokkos, für den die Antike (wie für alle Griechen) lebendige Geschichte ist – ihre ureigenste – und dessen blauer Baum vor grüner Wand Paul Éluards "La terre est bleue comme une orange" evoziert. Umkehr und Verkehrung der Farbe, das ist Kokkos' große Poesie – und die von "Sylvia".

John Neumeier

Musik: Léo Delibes
Choreografie und Inszenierung: John Neumeier
Bühnenbild und Kostüme: Yannis Kokkos

2 Stunden 15 Minuten | 1 Pause
1. Teil: 60 Minuten, 2. Teil: 50 Minuten

PREMIERE:
Ballet de L'Opéra National de Paris, Paris, 30. Juni 1997
PREMIERE IN HAMBURG:
Hamburg Ballett, 7. Dezember 1997

ORIGINALBESETZUNG:
Sylvia: Monique Loudières
Diana: Elisabeth Platel
Aminta: Manuel Legris
Eros/Thyrsis/Orion: Nicolas Le Riche
Endymion: José Martinez

GASTSPIELE:
1998 Frankfurt-Höchst, Ludwigshafen 2000 Rio de Janeiro, São Paulo 2009 Baden-Baden

IM REPERTOIRE:
Ballet de l'Opéra National de Paris
Finnish National Ballet
The Joffrey Ballet
Dutch National Ballet


Source: Culturebase

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