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La Sonnambula

Musiktheater, Oper

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Bernd Uhlig

Thu 11.06.2020 19:30 + 2 dates
Deutsche Oper Berlin, Berlin

Immer noch sind die Opern des romantischen Belcanto eines Donizetti und Bellini als „Schönsangopern“ ohne inhaltliche Tiefe verschrien. Die Schönheit der Melodien, die Konzentration auf die Stimme und das Können der Sängerinnen verstellt gerade bei Bellini immer wieder den Blick auf Konflikte und tieferlegende Schichten. Insbesondere LA SONNAMBULA wird gern als etwas letztes Aufflackern eines naiven Pastoralspiels rezipiert. Es stimmt, die großen Herrschaftskonflikte und der absolute Wahnsinn fehlen hier, doch auch im Kleinen spielen sich Tragödien ab: Amina ist verlobt, hat gar schon den Ehevertrag unterschrieben, ist aber noch nicht mit ihrem Elvino vor den Altar getreten. Aus einfachen Verhältnissen kommend, wird sie den reichsten Bauern im Dorf heiraten. Als sie des Nachts im Schlafzimmer des inkognito heimgekehrten Grafen Rodolfo aufwacht, zerbricht die trügerische Idylle in den Schweizer Alpen: Elvino löst die Verlobung auf und kehrt zurück zu seiner verflossenen Geliebten Lisa. Erst nach und nach realisiert die Dorfgemeinschaft, was wirklich vor sich gegangen ist: Die Vergangenheit holt die Protagonisten ein.

Das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito hat in den letzten Jahren immer wieder eine Lanze für die Opern Bellinis gebrochen: Ihre Produktionen von NORMA, IL PIRATA und eben auch LA SONNAMBULA legen bei genauer Textanalyse die tieferen Schichten der vermeintlich so oberflächlichen Figuren frei. Dabei greifen sie bei SONNAMBULA auf verworfenes Material von Romani und Bellini zurück: Librettoskizzen zeigen sehr deutlich, dass die im finalen Libretto nur angedeutete Vaterschaft Rodolfos von Amina von den Autoren durchaus intendiert war. Damit eröffnen sich natürlich neue Möglichkeiten der Interpretation. Amina fällt mit ihrer naiven Sensibilität aus der misstrauisch-dumpfen Dorfgesellschaft heraus, aber auch Lisa – die Konkurrentin um das Herz Elvinos – ist eine durchaus selbstbestimmt Außenseiterin. Auch der Blick auf das Gespenst, das die ganze Dorfbevölkerung, aber auch Amina, glaubt immer wieder zu sehen, wird bei Wieler/Morabito geschärft.

Bellini setzt Koloraturen und Verzierungen sparsamer ein als sein Kollege Donizetti, hier sparsamer noch als in seinen anderen Opern. Selbst in den Nachtwandelszenen Aminas – die durchaus als „kleine Schwestern“ der großen Wahnsinnsszenen der Belcanto-Opern zu verstehen sind – wird die Koloratur nie zum Selbstzweck eingesetzt: Der Komponist konzentriert sich hier ganz darauf den Gefühlen der Protagonistin nachzuspüren. Wieler und Morabito machen diese Gefühle und die psychologischen Dimensionen der Musik erfahrbar.


Source: Berlin Bühnen

Deutsche Oper Berlin

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