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ENTFÄLLT: HOT MESS / Live-Online-Performance

Performance, Performance, Diskurs

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Fr 27.03.2020 20:00
HAU - Hebbel am Ufer, Berlin

Das internationale Netzwerk dgtl fmnsm präsentiert seit 2016 feministische, queere und tech-positive Perspektiven auf Technologieerzählungen. “HOT MESS” ist eine interaktive Rauminstallation, inspiriert von der oft chaotischen Ordnung unserer Desktops, unserer Gedankengebäude und leichtfertigen digitalen Ablagen. All die Daten und Dokumente, das Leid und die Freude, das Private und das Öffentliche, all diese komplexen einander überlappenden Welten verbergen sich hinter winzigen Symbolen und durchdringen uns, die hyperindividualisierten Wesen der kapitalistischen Arbeits- und Lebensform. “HOT MESS” widmet sich liebend und kritisch unseren Benutzeroberflächen und verabschiedet sich lustvoll von der schon lange nicht mehr gegebenen Option, Daten zu reduzieren oder ihren Missbrauch zu verhindern.
Mit Live-Online-Performances, Gesprächen, technologischen Ritualen und Laboren zur Gegenspekulation untersucht dgtl fmnsm verbleibende Möglichkeiten, die Datenmengen in den Tiefen der Geräte zu entwirren, bis die Kühler endgültig überhitzen und das, was wir Realität nennen, endlich kollabiert. Denn: Die Technik ist nicht neutral und nur eine feministische KI vermag uns zu retten.
20.03., 19:00–00:00 / HOT MESS/ Live-Online-Performance #1
Eine heiße und chaotische dgtl-fmnsm-Nacht wartet mit einer neuen erweiterten Version unserer Live-Online-Performance “GLEAM” auf Sie. Neben spektakulären Performances – live und im Telegram-Livestream – bietet die aktuelle Ausgabe von “GLEAM” Videovorführungen und Lesungen, ausgewählt von der Neue-Medien-Künstlerin Shawné Michaelain Holloway und begleitet von einem Diskurs, für den die Interaktionsdesignerin und KI-Ethik-Forscherin Nushin Yazdani verantwortlich zeichnet. Zum Ausklang des Abends können Sie Ihr Ego in den Tracks von Hazina Francia alias Tadleeh aus Mailand kollabieren lassen – all das in und als Teil der Rauminstallation des Künstlerinnen-Duos Die blaue Distanz. Tarren Johnson(Künstlerin & Choreografin) und Joel Cocks (Künstler & Designer) stellen “Dripfeed.tv Episode 3” als Teil ihrer Online-Residenz bei dgtl fmnsm vor.
**We’re in it deep :**
Der Verlängerungskabelsalat; der versehentlich gesendete Text nach Monaten des Schweigens; die geleakten Drake x Future-Tracks; die PN von deiner*deinem Geliebten in einer Stadt auf einem anderen Kontinent; das Klebeband über der Webkamera deines Computers; der verschwundene Screenshot; das übergriffige Korrekturprogramm; das Päckchen von Fashion Nova; das Make-up-Tutorial; der überraschende Anruf mitten in der Vorlesung; das Foto von dir und deiner Familie in passenden Schlafanzügen, das du als Hintergrundbild hast; dein vergessener Download-Ordner; dein verschmierter Bildschirm; deine ermüdeten Handydaumen; dein Profilbild, das keine Ähnlichkeit mehr mit dir hat; dein neues Selfie-Gesicht; dein geheimer OnlyFans-Account.
**We’re in it together :**
Die Flut von Benachrichtigungen beliebter Nachrichtenkanäle, die nur Negatives enthalten; das “Oh je, mein Display ist kaputt“; die Gesichtsfilter, die einen dunklen Teint automatisch aufhellen; die Abogebühren; die Suchaufrufe nach vermissten Kindern; die gestohlenen Daten; die gestohlenen Tweets; getrollt werden; Regierungsvertretern zuschauen, wie sie sich auf Social-Media-Kanälen streiten; TMZ boykottieren wegen der übereilten Meldungen zu Kobe, FOX News aber nicht; die Inquisition der Frauen, die den Mund aufgemacht haben; das Polizeibrutalitätstrauma-Porno; die Unterschriftenlisten; die rechten Meme; die Abnehmtees; die Durchsetzung von SESTA/FOSTA; all die Accounts, die wegen Nacktheit – aber nicht wegen Rassismus – gesperrt werden.
**Let’s hit pause in front of our light.**

27.03., 18:00-01:00 / HOT MESS/ Performance #2 Am dritten und letzten Tag von “Spy On Me #2” lädt dgtl fmnsm dazu ein, die drei Stufen der Erkenntnis zu erkunden: VERSTEHEN – FRAGEN – NEUDEFINIEREN.
Nakeema Stefflbauer, Gründerin und Leiterin von FrauenLoop gUG, einer Berliner Non-Profit- Organisation, die Frauen* jedweder Herkunft beim Einstieg in Informatikberufe hilft, demonstriert gemeinsam mit der Interaktions- und Transformationsdesignerin Nushin Yazdani den Zusammenhang von KI und Diskriminierung und die Mechanismen der Vorurteile in der KI. Die interdisziplinäre Künstlerin Alla Popp eröffnet mit ihrer aktuellen VR-Performance “Under_the_Sun_2120” Fragen zu Zukunft, Technik und Gesellschaft. Zudem wird die Biologin und transdisziplinäre Künstlerin Ashley Baccus ihre künstlerische Vision einer feministischen digitalen Zukunft vorstellen. Hierzu und zu noch viel mehr möchten wir Sie in der immersiven Installation von Die blaue Distanz im HAU begrüßen.
Unsere Gesellschaft wird zunehmend von Algorithmen kontrolliert. Algorithmische Systeme entscheiden vor Gericht, in Anwendungsprozessen, in staatlichen Stellen und an der Grenze für uns – oder entscheiden sie gegen uns? Die Antwort auf diese Frage hängt entscheidend von der*demjenigen ab, über die*den entschieden wird. KI-Systeme funktionieren als Normalisierungsmaschinen: All jene, die der Norm des Durchschnittsmenschen nicht entsprechen, werden aussortiert, unter Beobachtung gestellt oder als Bedrohung gekennzeichnet.
Kann das überraschen, wenn man diese Instrumente aus intersektionaler feministischer Perspektive betrachtet? Wie ernst kann man die Anstrengungen der Branche gegen diskriminierende, repressive Systeme nehmen, wenn sie genau davon profitiert?
Wie könnten von kapitalistischen Absichten freie algorithmische Systeme aussehen? Wie könnte eine feministische KI gestaltet werden? Kann es so etwas überhaupt geben?


Quelle: Berlin Bühnen

HAU - Hebbel am Ufer

Programm

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