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Pick

Little Simz

presented by ASK HELMUT

Here to pick up where she left off: Die Londonerin mixt weiterhin immensen Flow mit einer großen Portion Female Empowerment und gilt als Vorbild einer ganzen Rapgeneration. ALL EYEZ ON! ASK HELMUT

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http://www.muffatwerk.de/de/pages/ampere

Mon 14.10.2019 20:00
Ampere, Munich
26,00 € - 32,00 €

„Me again... and I'm here to pick up where I left off", spittet Little Simz über eine brummende Bassline, in den eröffnenden Zeilen ihres neuen Albums „GREY Area“. Inmitten eines akustischen Chaos aus Jazzflöten und Spielplatzgesängen, vergleicht sich die UK-Rapperin auf ihrer mutigen ersten Single „Offence“ mit männlichen Autoren wie Picasso, Jay-Z und Shakespeare. Dieser Wagemut setzt den Ton für ein Projekt, das den Hörer an dunkle, verwundbare und empfindliche Orte führt.
 
Mit ihrem zweiten Album „Stillness in Wonderland“, das im Dezember 2016 erschien, trat die 24-jährige Indie-Künstlerin einen Wirbeltsturm los. Neben den Kritikerlorbeeren vom Guardian und Pitchfork, erhielt Simz, die bürgerlich Simbi Ajikawo heißt, je zwei AIM- und MOBO-Award-Nominierungen. Im gleichen Jahr kuratierte sie ihr eigenes Festival im ehrwürdigen The Roundhouse in London und reiste als Support-Act der Gorillaz auf der Humanz-Tour um die Welt.
 
Für Simz kommt der Erfolg nicht über Nacht. Im Alter von 21 Jahren, nannte Kendrick Lamar sie bereits „one of the illest doing it right now“, und sie landete als erste unabhängige UK-Künstlerin überhaupt auf der Forbes-Liste 30 Under 30. Und doch erlebte die Londonerin 2017 große Einsamkeit. Der Druck, der auf einem gehypten globalen Newcomer, der alles selbst macht, lastet, setzte ihr zu – und aus dieser dunkleren, persönlicheren Perspektive heraus, nahm ihr bisher größtes Projekt Gestalt an.
 
2017 war für Simz eine Umbruchszeit. „Es ging mir darum, diesen Übergang von einem jungen Mädchen zu einer gewachsenen Frau, zu meistern“, erklärt sie. „Mein 23. Lebensjahr war ein so entscheidendes für mich. Ich hatte das Gefühl, niemand hatte mich darauf vorbereitet. Aber wer hätte mich denn darauf vorbereiten können? Mir war einfach nicht klar, wie hart das Leben in den Zwanzigern werden kann, und ich fühlte mich wie in einem dauerhaften Zustand der Verwirrung.“
 
Diese Verwirrung hat sie dazu gebracht, ihre DIY-Karriere in Frage zu stellen – ein Weg, den sie nicht ändern will, und doch ein Weg, den jede Indie-Künstlerin als brutal bezeichnen würde. „Ich habe mich gefragt: Wie sehr liebst du diesen Scheiß wirklich? Du hast seit Ewigkeiten keine Zeit mehr mit deiner Familie verbracht. Ist es dir so viel wert?“. Während all der Zeit, die sie einsam in Hotelzimmern und Venues rund um den Globus verbrachte, während ihre Beziehungen zu Freunden und Familie brüchig wurden, schlitterte Ajikawo in eine Depression. „Ich war an einem einsamen Platz, einem dunklen Ort. So sehr ich auch wusste, dass ich Leute um mich herumhatte, fühlte es sich an, als wäre keiner wirklich da für mich. Ich hatte das Gefühl, als würde keiner das verstehen.“
 
Die Idee zu „GREY Area“ kam Simz, als sie sich eines Tages, in einem Hotel in Amsterdam, schlecht fühlte. Als sie darüber reflektiere, wie es nach der Humanz-Tour weitergehen würde, dachte sie an ihren Kindheitsfreund Inflo – ein britischer HipHop-Produzent, der schon mit Michael Kiwanuka und The Koos arbeitete – mit dem sie unbedingt ins Studio gehen wollte. Sie rief ihn an und flog unmittelbar nach ihrer letzten Show nach Los Angeles, wo sich die gemeinsamen Sessions zu therapeutischen Sitzungen entwickeln. „Ich hatte so viel zu besprechen und kam dafür genau mit der richtigen Person ins Studio. Das hat es mir so viel leichter gemacht und fühlte sich nie seltsam an. Dadurch konnte ich einfach nur Künstlerin sein, emotional und sensibel sein, Fehler machen und weinen. Ich musste das alles aus meinem System kriegen.“
 
Erforschte sie auf früheren Alben noch konzeptionelle, surrealistische Landschaften, entstammt „GREY Area“ direkt ihrem wahren (Innen-)Leben. Der Titel selbst entstand in einer unsicheren Phase und steht für „die Zeit meines Lebens, als ich das Gefühlt hatte, das nichts schwarz und nicht weiß wäre, nichts geradlinig verlief und alles verwirrend war.“ Inflo stand ihr dabei als passender musikalischer Partner zur Seite, vor dem sie ihr Herz ausschütten konnte. „Ich habe mit jemandem gearbeitet, der mich gut kennt und brutal ehrlich sein kann. Das habe ich gebraucht – ich war so festgefahren, in meiner Arbeitsweise.“
 
Diese radikale Veränderung ist auf „GREY Area“, das komplett von Inflo produziert wurde, deutlich hörbar. Wahrscheinlich ist es ihre bisher kohärenteste und kreativste Platte. Neu ist auch die Instrumentierung und Ästhetik, dadurch dass Flöten, Gitarren, funky Basslines und Streicher live eingespielt wurden. „Ich habe Live-Musik immer geliebt“, gesteht Simz. „Ich hatte bisher nur nie die Mittel, das so umzusetzen. Jetzt war es mir erstmals möglich, ein Streicherquartett aufnehmen zu lassen. Oder jemanden aus Schweden zu engagieren, der extra anfährt, um Querflöte einzuspielen. Ich habe Flos Ohren und seiner Vision vertraut. Es fühlt sich an, als wäre ich selbst daran gewachsen.“
 
In der Vergangenheit war Simz in ihren Produktionsphasen extrem akribisch. Diesmal lernte sie intuitiver und freier zu gestalten, oder wie sie sagt: „Ich musste lernen, mit dem Scheitern umzugehen und zu akzeptieren, dass Dinge nicht immer so laufen, wie ich sie mir vorstelle. Ich bin dann einfach in die Kabine und habe alles rausgelassen, die Aufnahmen klangen teils chaotisch, nichts war konzipiert – ich vertraute darauf, dass sich alles zusammenfügen würde. Ich wollte mir weniger Gedanken machen, meinem Stream of Thoughts freien Lauf lassen.“
 
Herausgekommen ist ein Album, das vom ersten Takt an fesselt und auf den Magen schlägt. Der knurrende Opener „Offence“ geht in den Downbeat-Soul „Selfish“ mit der Londoner Sängerin Cleo Sol über. Auf „Venom“ liefert Simz eine atemlose, furchterregende, lyrische Tirade gegen schwache Männer, die von mächtigen Frauen eingeschüchtert werden. „Pressure“ hingegen setzt sich mit ihren Depressionen auseinander, Simz rappt so ehrlich es geht über die dunklen Abgründe ihrer Psyche.
 
Der letzte Track „Flowers“, liegt ihr ganz besonders am Herzen. Darin behandelt sie kein persönliches Schicksal, sondern begibt sich in die Perspektive ihrer größten Helden: Jimi Hendrix und Amy Winehouse. In deren tragischen Biografien sucht sie Hoffnung, die sie auf ihren eigenen Karriereweg übersetzt. „Der Ehrgeiz, den ich habe – legendär und ikonisch zu sein – hat durchaus mit meiner dunklen Seite zu tun. Dinge müssen geopfert werden, Menschen bleiben auf der Strecke, neue kommen dazu. Die Frage ist doch: Wie will ich, als Musikerin, in Erinnerung bleiben?“
 
„GREY Area“ wirft viele große, essentielle Fragen auf. Für Simz selbst, war das Musizieren die Antwort, die sie suchte. „Trotz des Herzschmerz und den Qualen, die ich über die Jahre durchlebt habe – durch kein Geld der Welt hätte ich mir so eine Therapie leisten können. Ich hätte gar nicht anders heilen können!“ Nachdem sie ihren Tiefpunkt überwunden hat und den Mut aufbrachte, ihrer eigenen Unvollkommenheiten und Menschlichkeit zu huldigen, befindet sich Simz auf einem neuen Höhepunkt: „GREY Area“ ist ein ehrlicher und komplexer moderner Klassiker des UK-Rap.

https://www.youtube.com/watch?v=Kh8Q2iytzns