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Fúria – Lia Rodrigues

Die Favela prägt die Choreografien von Lia Rodrigues, und sie stellt Fragen um die Bedeutung von Tanz: »Wie können wir Formen finden, weiterzumachen und zu handeln? Welche Rituale braucht es? Was wollen wir tun? Was können wir tun?« ASK HELMUT

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Mon 20.05.2019 21:00
Muffathalle, Munich
15,00 € - 30,00 €

Müll. Altkleider und Plastiktüten voll mit Abfall. Heraus schälen sich Körper. Tauchen auf wie Schiffbrüchige. Finden zusammen, ziehen und stützen sich, gehen auseinander, bilden Prozessionen und Trauermärsche, aus denen sich einzelne Soli der TänzerInnen entwickeln. Die konvulsivische Schönheit und Entgrenzung der neuesten Choreografie von Lia Rodrigues, die seit 2004 mit ihrer Kompanie in der Favela Maré bei Rio de Janeiro arbeitet, ist inspiriert von einem Satz der brasilianischen Schriftstellerin Clarice Lispector: »If we are the world, we are moved by a delicate radar that guides.« Wohin führt uns dieses Radar? Welche Welt ist gemeint? Fúria inszeniert Rituale der Vergemeinschaftung, der Gewalt und Unterwerfung, der Revolte, ausgehend vom Körper. In der sich ausbreitenden Trance und orgiastischen Wucht geht die politische Frage, die Fúria stellt, nicht unter. Die Frage nach der Macht: Wer spricht mit wem worüber aus welcher Position? Die Antwort ist laut, und sie ist wütend.

Gruppen verändern ihren Aggregatszustand, sie sind in permanentem Wandel, sie zerfallen und bilden sich neu. Wie findet der und die Einzelne einen Platz? Was braucht es, um ein Kollektiv zu formen? Lia Rodrigues Überlegungen sind immer konkret. Denn Gruppen bestehen aus einzelnen Körpern. Wozu ist der Mund gemacht? Zum Sprechen oder zum Schreien? Sind die Gliedmaßen da, um andere zu umfassen oder zu schlagen? Fragen, die Fúria stellt. Musikalisch begleitet von Gesängen und Tänzen der Kanak aus Neukaledonien.

Wie die Stücke zuvor, zuletzt Para que o céu não caia, oder die brasilianische Trilogie, Pororoca (2009), Piracema (2011) und Pindorama (2013), entstand auch Fúria in der Favela Maré, wo Lia Rodrigues arbeitet und in einem alten Hangar ein Ausbildungszentrum unterhält. Mitte der Nullerjahre ist sie mit ihrer 1990 gegründeten Kompanie dorthin übersiedelt und baut ihr Kunstzentrum Stück für Stück auf. Alle ihre Werke werden dort uraufgeführt. Die Favela prägt ihre Choreografien: »Wie können wir Formen finden, weiterzumachen und zu handeln? Welche Rituale braucht es? Was wollen wir tun? Was können wir tun? Und was ist es also, was wir machen? Es ist gar nicht mal so sehr ein Tanzen ›an Stelle von‹, sondern wir tanzen für die Menschen, die nicht tanzen können. Ich empfinde das als Privileg, aber auch als Verantwortung«, sagt die 1956 in São Paolo geborene Choreografin in einem Interview. Öffentliche Gelder des brasilianischen Staates nimmt sie nicht an. Sie wird von europäischen Geldern unterstützt, wie sie in einem Gespräch mit La Liberation erzählt, und von einem Geschenk, das Maguy Marin ihr gab. Die französische Choreografin, bei der Rodrigues von 1980 bis 1982 tanzte, vermachte ihr die brasilianischen Rechte an ihrem Erfolgsstück May B. (1981). Die TänzerInnen ihres Zentrums eigneten sich das Stück an, tourten damit für einen begrenzten Zeitraum in Frankreich. Ein Stück über die utopischen Momente in der Dystopie. Über das Leben miteinander. Im Maré.

Inszenierung: Lia Rodrigues
Assistenz: Amalia Lima
Getanzt von und entstanden mit: Leonardo Nunes, Felipe Vian, Clara Cavalcante, Carolina Repetto, Valentina Fittipaldi, Andrey Silva, Karoll Silva, Larissa Lima, Ricardo Xavier
Dramaturgie: Silvia Soter
Licht: Nicolas Boudier
Musik: Ausschnitte aus traditionellen Liedern und Tänzen der Kanak – Neukaledonien
Künstlerische Mitarbeit und Bilder: Sammi Landweer
Bühne: Magali Foubert
Kompaniedirektorin: Gabriela Goncalves
Administrator, Booking: Thérèse Barbanel
Logistik und Koordination: Colette de Turville
Produktion: Chaillot – Théâtre national de la Danse – mit der Unterstützung der Hermès Corporate Foundation im Rahmen ihres Programms New Settings – le Festival d’Automne – le Centquatre Paris – le MA scène- nationale, Pays de Montbéliard, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, im Rahmen des Festivals “Frankfurter Position 2019” – eine Initiative der BHF-Bank-Stiftung” – le Kunstenfestivaldesarts (Brussels), le Teatro Municipal do Porto /Festival DDD - dias de dança, Theater Freiburg (Germany), Muffatwerk München – Les Hivernales-CNDC
Fotos: © Sammi Landweer


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Zellstr. 4, 81667 Munich