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Escape Act

Tanz, Tanztheater

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Do 21.03.2019 20:00
HAU2, Berlin

Im Zeitalter massenhaft inszenierter Bildwelten und einer ungebrochenen Sehnsucht nach der Konservierung des jungen Körpers ist es nahezu unmöglich, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Mit feiner Ironie widmet sich die Choreografin und bildende Künstlerin Alexandra Bachzetsis in ihrer neuen Arbeit “Escape Act”, koproduziert vom HAU, der Konstruktion von Echtheit. Dabei zitiert sie Voguing und YouTube-Tutorials ebenso wie die Formsprache des Triadischen Balletts um Oskar Schlemmer. Über “Escape Act” von Alexandra Bachzetsis
Paul B. Preciado

… dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wundstoßende Tier, das man “zähmen” will, dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine Folterstätte, eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangne wurde der Erfinder des “schlechten Gewissens”.

Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, II. Abhandlung, § 16, 1887

Begehren ist weder das Begehren von etwas Fehlendem noch ist es etwas Unterdrücktes. Das Begehren ist eine soziale Maschine, die nie zu produzieren aufhört. Es produziert uns als Subjekte. Es produziert unsere Körper und schreibt uns Beziehungen mit anderen Körpern vor. Das Unbewusste ist kein Theater, sondern eine Fabrik. Mit einer solchen Aussage distanzierten sich Deleuze und Guattari von Platon und Freud und näherten sich dem Begehren im Nietzscheschen Sinne: politisch und radikal experimentell. Wenn das Begehren eine soziale Maschine ist, dann lautet die Frage nicht mehr, von welcher Identität (Mann Frau, heterosexuell, homosexuell) das Begehren ausgeht, sondern vielmehr, wie diese soziale Fabrik funktioniert. Und ist es möglich, in ihren laufenden Betrieb einzugreifen, um sie zu verändern?

Alexandra Bachzetsis schafft ein poetisches Mittel, das es Betrachtern erlaubt, die technischen und sozial konstruierten Dimensionen von Begehren “wahrzunehmen”. Ihr Stück versammelt sieben lebende Körper und eine Fülle von Objekten, die sich miteinander verbinden und voneinander trennen, um unterschiedliche Wunschmaschinen zu bilden. Aus ihrem üblichen Kontext gerissen werden die Kuben, Pappkartons, Luftmatratzen, Gewichte, der Ball und anderes mehr zu surrealistischen Readymades, die sich in den lebenden Körper einstöpseln, um seine neuen begehrenden oder begehrten Organe zu werden. Verweise auf die Welt von Bricolage, Sport oder Pharmakologie fungieren dabei wie Hyperbeln, die die soziale Konstruktion betonen.

Das Stück beruht auf der Anerkennung zweier Aspekte. Erstens stehen verschiedene Gender (männlich, weiblich, Drag, Trans, normativ, abweichend usw.) in der heutigen Welt stets in Wechselwirkung – niemand performt nur “ein Gender”. Wir sind permanent von einer Vielzahl von kulturellen Gender-Codes umgeben, mit denen wir in Beziehung stehen, von denen wir lernen und mit denen wir unsere eigene Performance-Fähigkeit messen. Zweitens ist der Zugang zu Techniken der Genderproduktion von einer extremen Unausgewogenheit in Bezug auf Machtverhältnisse, soziale Schichten, Altersklassen, Beeinträchtigungen, Rassen und die Kontrolle über Ressourcen geprägt. Gendercodes sind ideale performative Codes, die sich unmöglich in vollem Umfang verkörpern lassen: Niemand kann in einen vorgegebenen Begriff hineinpassen. Das Stück handelt auch von der Schwierigkeit, Gendernormen und sexuellen oder rassisch-politischen Normen zu entkommen, da der Körper selbst und sein erlerntes Verhalten zu seinem ultimativen Käfig geworden sind. Die Aufgabe besteht nicht darin, Gender zu performen, sondern vielmehr, aus der Gender-Box auszubrechen.

Formal stellt Escape Act die noch immer vorherrschende Einteilung der Künste nach Medien in Frage. Es umfasst Gedichte, Lieder, Erzählungen, ja sogar Verweise auf die Bildsprache heutiger Pornografie und hinterfragt so den willkürlichen Abstand, der zwischen verschiedene Gender sowie zwischen Tanz, Film, Theater und Literatur, zwischen Genres und kulturelle Traditionen, zwischen High Art und Low Art eingeschrieben ist. Bachzetsis spielt mit dem zweischneidigen Zustand von “restored behaviors” oder aktualisierten Handlungen: Der Tanz steht mal für Freiheit, mal für Unterwerfung. Das Theater betont die politische Zuschreibung von Rollen, lässt aber auch persönliche Erzählungen einfließen. Der Sport handelt von Wettbewerb und Anstrengung, von Spielfreude und Ausdauer. Und das Singen unterstreicht die Verletzlichkeit von individuellen Konflikten.

Peu à peu schärft sich unsere Wahrnehmung und der menschliche Körper wird als weiteres Objekt in der sozialen Maschine wahrgenommen. Was macht einen Körper zu einem menschlichen Körper? Wie wird ein Körper zusammengesetzt (oder auseinandergenommen)? Ist es möglich, einen menschlichen Körper wahrzunehmen, ohne ihm Gender, Rasse, Alter oder Wert zuzuschreiben? Ist es möglich, ihn zu begehren, ohne ihm Gender, Rasse, Alter oder Wert zuzuschreiben? Hat die Stimme wirklich ein Gender, hat die Haut wirklich eine Rasse? Sind Gender, Alter und Rasse nicht die kognitiven und politischen Rahmen, die uns daran hindern, den Körper in seinem permanenten Werden zu sehen und zu erfahren?

Ähnlich wie die Künstler*innen Lygia Clark, Michel Journiac und Jürgen Klauke möchte Bachzetsis materialistische und auf Erfahrungen beruhende Recherchen über den Körper als “sozialisiertes Fleisch” (so Journiac) anstellen, die über den Körper als anatomisches oder politisches Objekt hinausgehen. Anstatt Wunschproduktionen vom Standpunkt der Identität, der Norm und des Normalen aus darzustellen, fordert uns Escape Act dazu auf, den Fehlschlägen und Rissen, aber auch den Fluchtlinien und Entfesselungen Beachtung zu schenken.
 
Das Stück präsentiert zwei Logiken des Begehrens und stellt diese zwei unterschiedlichen Funktionsweisen der Wunschmaschine gegenüber: Die eine beruht auf Identifikation, die andere ist rhizomatisch und desidentifizierend. Nach der ersten Logik sind Körper durch ihre Beziehung zum herrschenden Kode geprägt: Sie sind feminin oder maskulin, echt oder falsch, erfolgreich oder gescheitert. Wir können sie also identifizieren. Prothesen wie Haare, Po, Schultern, Requisiten, aber auch Gesten und Wörter fungieren hier als normative Supplemente. Sie betonen eine Identität und höhlen sie zugleich aus – schließlich kann sich jeder sie sich einverleiben. Nach der zweiten Logik bilden der Körper und das Objekt eine kreative Allianz, um dem herrschenden Kode zu entgehen, Identität und Individualität zu umgehen und abweichende Wunschmaschinen zu schaffen: einen gesichtslosen, behaarten Kopf, einen ganz in Weiß gekleideten tanzenden Körper, verschiedene Körper, die in einer nicht von Menschen entworfenen Hose stecken; ein anderer Körper nutzt seine Beine als extra lange, starke Arme, mit denen er auf den Boden schlägt. Eine ironische, betörende Stimme, die eine lange Liste an sexualisierten Attributen singt, sich aber dem Blick des Publikums entzieht, verkörpert mitunter eine transfeministische Brecht’sche Distanz. Zwischen den beiden Logiken des Begehrens flackern Sequenzen der Rebellion auf: Feminisierte Körper entkommen der normativen Choreografie, richten für kurze Zeit ein Chaos auf der Bühne an, um dann wieder zu einer generischen Bewegung zurückzukehren. Das Ergebnis ist eine ebenso leidenschaftliche wie verstörende, ausgelassene wie rätselhafte Arbeit.


Quelle: Berlin Bühnen

HAU2

Programm

Hallesches Ufer 32, 10963 Berlin, 10963 Berlin

www.hebbel-am-ufer.de


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