FOTO: © © Raad Zeid Al-Hussein/Fahrelnissa Zeid Break of the Atom and Vegetal Life, 1962 Öl auf Leinwand, 210 x 540 cm Z. Yildirim Family Collection

Fahrelnissa Zeid

TAGESTIPP Ah_Art

Die Türkische Künstlerin war ihrer Zeit stets voraus. Nun wird diese außergewöhnliche Frau und Pionierin der abstrakten Malerei mit einer Retrospektive geehrt. Großartig!

Das sagt der/die Veranstalter:in:

Die Retrospektive »Fahrelnissa Zeid« stellt dem internationalen Publikum eine der wichtigsten türkischen Pionierinnen der Moderne vor. 1901 auf einer Insel vor Istanbul als Tochter einer großbürgerlichen Intellektuellenfamilie geboren und 1991 in Amman, Jordanien, gestorben, war sie Zeit ihres Lebens Kosmopolitin. In ihrer Malerei, die den letzten Jahren auf Biennalen und internationalen Ausstellungen über die Türkei und Jordanien hinaus wiederentdeckt wurde, verschmelzen eine Vielzahl von unterschiedlichen Einflüssen, die in Bezug zu ihrer multikulturellen und bewegten Biografie stehen. Erstmals wird in der von der Londoner Tate Modern konzipierten Retrospektive, die nun in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen ist, die weite Bandbreite ihres Schaffens mit Werken und Dokumenten aus acht Jahrzehnten gezeigt. In den osmanischen Adel hineingeboren, verlor Zeid schon früh ihren Vater, der kurz vor dem Ersten Weltkrieg von ihrem Bruder unter ungeklärten Umständen erschossen wurde. Ihre Familie war am Boden zerstört, sie blieben aber eng miteinander verbunden. Nach dem Krieg studierte sie als eine der ersten Frauen in der Türkei Kunst. In den späten 1920er-Jahren setzte sie ihr Studium in Paris fort. Hier kam sie mit den Strömungen der europäischen Avantgarde in Kontakt, mit Expressionismus, Fauvismus, Kubismus und Surrealismus. Zeid, die 1920 den bekannten Schriftsteller İzzet Melih Devrim heiratete, bezeichnete ihre Malerei zunächst, wie viele der damaligen Malerinnen aus der Oberschicht, als »Privatvergnügen«, das ihr auch als Therapie und Mittel der Selbstfindung diente. 1934 ließ sie sich scheiden und heiratete den haschemitischen Prinzen Zeid Al-Hussein, der als Botschafter seines Landes nach Berlin berufen wurde. 1938, nach der Annektierung Österreichs, kehrte sie mit ihm nach Bagdad zurück. Regelmäßige Ausflüge zu antiken Stätten wie Babylon und Ninive inspirierten sie, doch sie fühlte sich in Bagdad auch isoliert und fiel in eine Depression. Sie begann zu reisen, pendelte zwischen Paris, Budapest und Istanbul, und hoffte darauf, sich so von ihrer Krankheit zu erholen. In Istanbul wurde sie Mitglied der »Gruppe d«, einer avantgardistischen Künstlervereinigung, die unter anderem angeregt durch die Politik Atatürks eine eigenständige türkische Moderne anstrebte. Zeids wachsendes Selbstvertrauen spiegelt sich in ihren oft großformatigen Interieurs, Porträts und Landschaften der frühen 1940er-Jahre, in denen sich auch bereits der Übergang in die Abstraktion ankündigt wie in »Third Class Passengers« (1943). Als ihr Mann 1946 zum Botschafter des Irak am Hof von St. James ernannt wurde, verwandelte Zeid kurzerhand einen Raum der Londoner Botschaft in ihr Studio. Werke wie »Fight against Abstraction« (1947) und »Loch Lomond« (1948) zeigen welch radikaler Wandel sich nun in ihrem Werk vollzog. Von 1946 bis in die späten 1960er-Jahre lebte Zeid sowohl in London als auch in Paris und hatte in beiden Städten ihre Ateliers. In der französischen Hauptstadt trafen sich damals progressive Künstler aus der ganzen Welt, die sich lose zur »Nouvelle École de Paris« formierten. Dazu gehörten etwa Pierre Soulages, Hans Hartung und Serge Poliakoff und in ihrem Umkreis stellte Zeid häufig aus. Nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus suchten Künstler nach freieren, spontaneren Ausdrucksmöglichkeiten in der Abstraktion. Während viele ihrer Zeitgenossen sich der Gestischen Abstraktion zuwandten, fand Zeid ihre Ausdrucksmöglichkeiten zumindest zu Anfang, in einer eher geometrischen Formensprache. In Gemälden wie dem berühmten »My Hell« von 1951 splitterte sie Raum und Farbe kaleidoskopisch auf, was ihrer Malerei eine beinahe architektonisch wirkende dreidimensionale Qualität verleiht. Während die Abstrakten Expressionisten in Amerika den Siegeszug antraten, erschuf Zeid abstrakte Farbexplosionen, die es an psychologischer Spannung und visueller Wucht mit Jackson Pollock aufnehmen konnten. Dabei ließ sie ein für die westliche moderne Kunst völlig neues Formenvokabular einfließen, das seinen Ursprung, bewusst oder unbewusst, in der Natur und in byzantinischer Mosaikkunst, islamischer Architektur, Kunsthandwerk und Philosophie des Orients hatte. Doch eine Katastrophe sollte alles verändern: Im Juli 1958 wurde bei einem Staatstreich im Irak die Monarchie der Haschimiten gestürzt und die gesamte Familie von Prinz Zeid Al-Hussein getötet. Da er und seine Frau sich entschieden hatten, ihre Ferien in Italien zu verbringen, entgingen sie dem Attentat nur zufällig. Für Zeid brach eine Welt zusammen und sie hörte auf zu malen. Als sie Anfang der 1960er-Jahre wieder damit begann, waren es vor allem Porträts ihrer Familie und engsten Freunde, die sie anfertigte. Zur selben Zeit entwickelt sie ihre »Paléokrystalos«-Skulpturen, bemalte Knochen, die sie wie archäologische Funde in Kunstharz eingießt und auf Drehscheiben installiert. Auch in ihrem Spätwerk bleibt Zeid experimentell. Mit der Ausstellung in der KunstHalle wird sie endlich als eine der wichtigsten Protagonistinnen der internationalen Nachkriegsmoderne geehrt – und als Frau, die Konventionen hinter sich ließ und in der von Männern dominierten, eurozentrischen Kunstwelt neue Maßstäbe setzte. Kuratoren der Ausstellung: Kerryn Greenberg, Curator International Art, Vassilis Oikonomopoulos, Assistant Curator, Tate Modern In Kooperation mit Tate Modern

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